14 Januar, 2013

Warum kann Hamburg nicht Fahrrad? - Kann denn Köln Fahrrad?



Radfahren in Kölns Innenstadt
Rad fahren in Kölns Innenstadt ist nicht lustig

Radfahrer in Hamburg sollten sich den 29. Januar als Veranstaltungs-Höhepunkt zum Jahrebeginn vormerken. Gemeinsam mit der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) lädt die Patriotische Gesellschaft zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema "Warum kann Hamburg nicht Fahrrad? - 20 Jahre nicht wirklich vorangekommen" ein.

Die Situation für Radfahrer im Hamburger Stadtgebiet erscheint, kurz gesagt, trostlos. Radwege enden vor Bäumen oder im Nichts; Stellplätze sind rar und der mögliche Fahrradstreifen wie in der Hallerstraße wird beim Ausbau schlicht und einfach „vergessen“.
Bereits Anfang 1992 hat der Arbeitskreis Zukunftsfragen der Patriotischen Gesellschaft von 1765 ein Papier erarbeitet: „Sieben Punkte für eine fahrradfreundliche Innenstadt. Sofortmaßnahmen, kurzfristig zu verwirklichen.“ Die sieben Punkte wurden in den vergangenen 20 Jahren nicht umgesetzt. Nur teilweise sind Ansätze zu erkennen.
Daran knüpfen wir an und fragen: Woran liegt es?
Wir wollen uns aber nicht nur auf die Probleme der Innenstadt beschränken, sondern ganz Hamburg beleuchten. Deshalb: Soll die „Radverkehrsstrategie für Hamburg“ vom Oktober 2007 nicht mehr oder nicht im ursprünglich vorgesehenen Zeitrahmen umgesetzt werden?

Hamburg im Jahre 1993: Hamburgs Radverkehrsverkehrsanlagen, das berühmte 1.800 Kilometer-Netz, orientierten sich vor zwanzig Jahren noch ausnahmslos am Vorrang des Autoverkehrsflusses. Radwege dienten nicht dem Radverkehr, sondern in erster Linie dem Autoverkehr. Hauptsache war die Trennung von Auto- und Radverkehr, damit der Autoverkehr beschleunigt werden konnte. Die schmalen "Radwege" waren noch alle benutzungspflichtig, gemeinsame Geh- und Radwege auf vielen Gehwegen sehr verbreitet.

Die Patriotische Gesellschaft hatte schon vor zwanzig Jahren zu einer ähnlichen Veranstaltung eingeladen, um damals mit Bausenator Eugen Wagner (SPD) in Hamburg einer Dialog zum Thema Fahrrad zu entfachen. Ein Ergebnis der damaligen Veranstaltung war die Einrichtung des "Fahrradbeirates bei der Baubehörde", an dem unter Vorsitz des Bausenators einige Verbände (ADAC, ADFC, VCD, usw.) teilnahmen. 2004 fand unter Bausenator Dr. Freytag das letzte Zusammentreffen des Beirats statt. Er war leider zu einem einseitigen Verkündungsgremium der Behörde degradiert worden. Kritik an den vorgestellten Projekten, wie z.B. dem unsichtbarem "Radweg" auf dem Jungfernstieg,  war unerwünscht.


Unichtbare "Radwege" rund um den Jungfernstieg
Fehlplanung unsichtbare "Radwege" rund um Hamburgs Jungfernstieg


2005 belegte Hamburg beim Fahrradklima-Test des ADFC den letzten Platz unter allen Großstädten. Dies war ein Tiefpunkt, nachdem es erste Hoffnungen auf Besserung gab. Ab Ende 2006 gründete sich mit dem späteren Bausenator Gedaschko ein Fahrradforum, das 2007 die "Radverkehrsstrategie für Hamburg" entwickelte.

2013, fünf Jahre nach öffentlicher Vorstellung der "Radverkehrsstrategie für Hamburg", scheint Hamburg nicht mehr so euphorisch wie zu anfangs die Ziele der Radverkehrsstrategie verfolgen zu wollen. Woran liegt es? Blockiert Hamburg sich mit seinen vielen parlamentarischen Gremien auf Landes- und Bezirksebene? Sind die Behördenstrukturen innovationsfeindlich? Vom Ziel den Radverkehrsanteil bis 2015 auf 18% anzuheben ist der Staatsrat für Verkehr vor zwei Jahren abgerückt. Der Ausbau des Veloroutennetzes kommt nicht so voran wie zuvor angepeilt. Radverkehr ist unter dem jetzigen Senat offiziell kein Schwerpunktthema mehr.    

Welche Hinderungsgründe gibt es? Sind die politischen Prioritäten inzwischen anders gesetzt worden? Was lässt sich verbessern? Wie lassen sich die Prozesse vereinfachen und beschleunigen? Vor allem aber: Wie machen es andere Städte?

Ist der Kölner Radverkehr besser aufgestellt als der in Hamburg? Köln zählt mit Berlin, Hamburg und München zu den Millionenstädten in Deutschland. Köln ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Städte in NRW (AGFS). Selbstbewußt wirbt Köln für sich als "Fahrradfreundliche Stadt Köln". Als geradezu radverkehrsfreundlich ist Köln unter den vier Großen allerdings nicht bekannt. Und unter Radfahrern hat Köln einen schlechten Ruf.

Der Kölner Georg Bleicher besuchte für abfahren (VSF) Kopenhagen, und stieg anschließend ernüchtert in Köln aus dem Zug. Viele praktische Dinge, die für Kopenhagener selbstverständlich sind, fehlen offenbar auch in Köln. Der Vergleich mit der Fahrradstadt Kopenhagen ließ viele Fragen offen.

Warum müssen Radler in Deutschland eigentlich an jeder Kreuzung Radweg-Bordsteine runter und wieder hoch? Wie viel flüssiger und angenehmer ginge das ohne Stufen!
Wieso muss ich, wenn ich in Köln breite Straßen per Radweg überquere, bis zu drei Inseln samt dazugehöriger Ampeln bereisen – natürlich mit roter Welle?
Weshalb fragt mich ein Autofahrer, wenn ich mich an der Ampel auf dem gekennzeichneten Wartefeld für Radler positioniere, warum ich mich „in den Weg stelle“?
Wieso führen Radwege ins Leere und gefährden sämtliche Beteiligte mit oft nicht einsehbarem, abruptem Ende.
Oder warum braucht man auf gekennzeichneten Radrouten in der Innenstadt oft doppelt so viel Zeit von A nach B wie auf der Straße?
Warum werden Radwege ausgeschildert, die laut Gesetz in Punkto Breite oder Belag gar keine sein dürften und eine Gefahrenquelle darstellen?


Die Geschäftsstraße: Kopenhagen - Köln - Hamburg

Kopenhagen - Nørrebrogade
Geschäftsstraße in Kopenhagen - Beispiel nördliche Nørrebrogade

"Schutz"-Streifen in Köln - Venloer Straße
Geschäftsstraße in Köln - Beispiel Venloer Straße

"Radweg" Osterstraße
Geschäftsstraße in Hamburg - Beispiel Osterstraße


Ein Bericht in der ZEIT über Kopenhagens Radverkehr veranlasste den Leser perpedalo zu folgendem Kommentar:

Sicher gibt es viele fahrradfreundliche Städte. Es gibt aber auch welche bei denen der politische Wille fehlt. Ich denke hier an Köln. Trotz SPD / Grünen-Vorherrschaft und einer guten topographischen Lage hat sich an dem Radfahrerdilemma in Köln nichts geändert.
Es ist und bleibt gefährlich Fahrrad zu fahren: desolate Fahrradwege und -streifen; Verbote Fußgängerzonen zu queren; gefährliche Straßenbahnschienen und eine repressive Polizeitaktik, welche vermehrt Fahrradfahrer zur Kasse bittet!
Mittlerweile hat auch der ADFC Köln die Nase voll und bezeichnet die "Keksrunden" bei "Velo 2010" - bei der sich Vertreter von Polizei und Verwaltung sowie VCD und weiteren... zwecks Verbesserung des Radverkehrs, treffen - als nicht mehr hinnehmbar http://www.ksta.de/koeln/...
Es tut sich einfach nichts und die Unfallzahlen mit Verletzten und Toten steigen. Das ist der eigentliche Skandal!
Selbst erkannte Unfallstellen werden nicht entschärft und man toleriert weiterhin diese Umstände.
Die meisten Kölner rechnen nicht damit, dass sie es noch erleben, dass die Stadt tatsächlich den Fahrradverkehr durch Umbau von Autostraßen oder Teilfreigabe von Fußgängerzonen (z.B. Ost-West-Verbindung über die Domplatte) effektiv fördern wird. Der unausgesprochene Konsens ist: Präferenz hat der Autoverkehr und Radfahren ist Hobby oder Freizeitsport.

Mit Kölns Radverkehr beschäftigen sich mehrere Blogger recht engagiert, zum Teil auch mit Gehör in der Lokalpresse. Auch in Köln gibt es offensichtlich einen Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen dem Machbarem und den Möglichkeiten, zwischen Schein und Sein. fahrradjournal-Autor Wolfgang Scherreiks besuchte die Rheinmetropole und urteilte ernüchtert: Kein Spaß beim Rad fahren in Köln.

Mein Selbstversuch hat mich für diesen Besuch nicht überzeugt. Als Defensivfahrer hatte ich zwar kaum Konfrontation mit dem motorisierten Individualverkehr. Doch zu irritierende Führung, widersprüchliche Beschilderung, zu enge Radwege, verkehrsplanerische Miniaturoperationen, die kleinteilige Stückelung einer bunt belegten Pizza, die ich einmal »die Kölnpizza« nennen will, setzte der Lust am Radeln überall Grenzen.

Roland Brühe berichtete von einem "Radverkehrstreff" der Stadt Köln, der sich dem Thema Radwegebenutzungspflicht in Köln widmete. Offenbar tut sich auch die Stadt Köln - wie Hamburg - schwer Radwegbenutzungspflichten bei unbenutzbaren "Radwegen" aufzuheben. Die Rechtslage ist eindeutig, die Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung und die neuere Rechtssprechung lassen keinen Zweifel, dass Radwege nur benutzungspflichtig sein dürfen, wenn sowohl der Zustand des Radweges es zulassen, als auch die Verkehrssicherheit dies ggf. erfordert. Beide Kriterien müssen erfüllt sein. Doch die Empfehlung des Kölner Polizeidirektors an die Radfahrer, bei unbenutzbaren benutzungspflichtigen "Radwegen" abzusteigen und zu schieben, entmutigt.

Arne Vogel von radgefahren.de besuchte 2011 eine Veranstaltung mit dem  Radverkehrsbeauftragten der Domstadt.

Was mich insbesondere interessierte war, wie sich der Fahrradbeauftragte präsentieren wird, hatte ich seinerzeit große Hoffnung in sein Amt gesetzt. 
Die Kommunikation zwischen ihm und Menschen, die konkrete Vorstellungen von Radverkehr haben, hat sich in der Vergangenheit als schwierig dargestellt. Die Radverkehrssituation “schönzureden”, ist vielleicht bei seinem Amtsleiter, Klaus Harzendorf, willkommen,  für Alltagsradler allerdings ist das keine adäquate Lösung. Auf der Cycolonia stellte unser Fahrradbeauftragter sich und seine Aufgaben vor, nämlich “den schwierigen Spagat hinzubekommen zwischen Service, Öffentlichkeitsarbeit, was die Bürgerinnen und Bürger der Stadt wollen, was sie erwarten und das halt in der Verwaltung zu koordinieren, voran zu bringen und die entsprechenden Dienststellen und uns selber dazu zu bewegen immer mehr für den Radverkehr zu machen. Das ist so ungefähr das ganze Spektrum, was ein Fahrradbeauftragter abdeckt, d.h. Ansprechpartner letztendlich für alle Themen rund um Fahrrad fahren in Köln.” – Nichtsdestotrotz hat meiner Meinung nach der Fahrradbeauftragte eher Schwierigkeiten, den Spagat zu bewältigen zwischen der Kommunikation mit Bürgern, die ein Anliegen jenseits von “Straße fegen” haben und dem, was in der Verwaltung tatsächlich möglich ist, nämlich so gut wie nichts. Von der Umsetzung eines Bürgerbegehrens bzw. einer Mängelinformation bis zur Mängelbeseitigung will ich gar nicht reden. In der aktuellen “FahrRad” 01/2011 vom Kölner ADFC und in den Kölner Fahrradblogs sind einige dieser traurigen Beispiele nachzulesen.
Dabei kommuniziert Möllers keinen Unsinn, alles ist durchweg brauch- und nachvollziehbar, vorausgesetzt es wird nicht konkret. Dann geht plötzlich nichts mehr. Dann wird die Transparenz, die er neuerdings kommuniziert so blickdicht wie die Strumpfhose meiner Großmutter. 
Was nutzt unserer Stadt ein Fahrradbeauftragter, der zwar dem Leiter des Amts für Straßen und Verkehrstechnik gefällig ist, nicht aber dem Bürger? 
Zum Beispiel erscheint beinahe nach jeder aufgestellten Haarnadel (Kölner Fahrradabstellpfosten) eine Pressemeldung. – Allein durch das Bereitstellen von mehr Fahrradabstellanlagen wird Radfahren in Köln aber nicht sicherer. – Doch diese Pressemeldungen lesen sich so wunderbar und haben vor allem keine Konsequenzen für den Kraftfahrzeugverkehr.


Neben den subjektiven Eindrücken einzelner Radfahrer gibt es konkrete Indikatoren, die das Radverkehrsklima beschreiben. Der Radverkehrsanteil in München beträgt 17%, in Berlin hat es 13%, in Köln und Hamburg jeweils 12%. Beim Fahrradklima-Test 2005 lag unter den vier Großen die heutige Radlhauptstadt München vorn, gefolgt von Berlin, Köln und Hamburg, dem Schlußlicht (am 1. Februar wird das Ergebnis des neuen Fahrradklima-Tests vorgestellt). Beim eher subjektiven copenhagenize-Index 2011 wurde Köln leider nicht getestet. Unter den zwanzig besten Fahrradstädten der Welt sind drei deutsche Städte vertreten: Berlin vor München und Hamburg. 


Rad fahren in Kölns Innenstadt
Mit dem Rad in Kölns Innenstadt


Kann Köln etwa Vorbild für Hamburg sein oder können wir von Köln lernen unsere bekannten Probleme zu lösen? Die Patriotische Gesellschaft verspricht uns Radfahrern, Politikern, Stadt- und Verkehrsplanern einen interessanten Abend:

Jürgen Möllers, Fahrradbeauftragter der Stadt Köln, wird in einem Einführungsvortrag über die Erfolge und Probleme ganzheitlicher Planung für den Radverkehr in Köln berichten.


Mehr . . . / More . . . :
.

Kommentare:

  1. schöner Artikel!
    Wir Kölner würden uns sehr freuen, wenn ihr Hammburger uns -gerne im Detail- dann berichtet, was unser "Fahrradbeauftragter" so zu erzählen hat. Besonders auf die "Erfolge" im Titel "Die Erfolge und Probleme ganzheitlicher Planung für den Radverkehr in Köln" sínd wir sehr gespannt ... von denen haben wir nämlich noch nicht so viel mitbekommen ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Dass es so gar nicht klappen will mit Fortschritten für den Radverkehr in Hamburg, hat einen recht einfachen Grund: Es ist politisch nicht gewünscht, dass der Autoverkehr auch nur einen Millimeter Raum abgeben muss. Es ist einfach, eine "Radverkehrsstrategie" ins Leben zu rufen, sie aber auch umzusetzen, scheitert in Hamburg daran, dass echte Verbesserungen für den Radverkehr prinzipiell nur möglich sind, wenn dies teilweise zulasten des Automobils geschieht. Deshalb bleibt die "Radverkehrsstrategie für Hamburg" nicht viel mehr, als heisse Luft.

    Die Straßenverkehrsbehörden weigern sich konsequent, "Radwege", die jeder Beschreibung spotten - und die auch nicht wegen einer außergewöhnliche Gefahrenlage notwendig sind - von der Benutzungspflicht zu befreien. Selbst wenn dies nach einem Antrag auf Aufhebung zugesagt wird, verschleppt man die Umsetzung bis zum Sankt Nimmerleinstag.

    Politik und Straßenverkehrsbehörden sind sich offenbar darin einig, dass man den Radverkehr zwar "ein bisschen hier, ein bisschen dort" verbessert, das Fahrrad jedoch keinesfalls als ein dem Auto gleichgestelltes Verkehrsmittel betrachtet. Das implementiert, dass Hauptstraßen für den Radverkehr tabu bleiben sollen. Das geht so weit, dass man sich nicht einmal an zugesagte Aufhebungen hält, was ich anhand mehrerer Beispiele belegen kann.

    Noch einmal zum Mitschreiben: Es ist in Hamburg politisch nicht gewünscht, dass der Autoverkehr auch nur einen Millimeter Platz abgeben muss! Diese Doktrin benachteiligt seit eh und je sowohl Radfahrer, als auch Fußgänger. Solange in diesem Kernpunkt kein Umdenken stattfindet, bleibt jede Art von vermeintlicher Radverkehrsförderung reine Makulatur.

    AntwortenLöschen
  3. Als Kölner, der in Hamburg als Fahrradkurier arbeitet und hin und wieder auch in der Heimat radelt, kann ich Euch sagen: In Köln ist die Situation weitaus schlimmer als in Hamburg! Das liegt nicht zuletzt daran, dass in der Innenstadt die toleranten Kölner im Auto ganz offensichtlich alles, wofür sie sonst stehen, vergessen und den angestauten Frust auch gerne an Radfahrern auslassen. Die Hamburger geben sich da deutlich gelassener, auch wenn Ausnahmen immer drin sind. Aber die maroden Wege in Köln und die vollkommen unsinnig konzipierten Wege toppen beiweitem die gefährlichen Baustellen und teilweise seltsamen Radführungen in der Hansestadt.

    Nein, auch in Hamburg ist vieles im Argen. Nur könnte es noch schlimmer sein. Wie schlimm, kann man sich in Köln jederzeit live anschauen.

    AntwortenLöschen